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Veröffentlicht am 3. November 2025

Wie Genf zum Silicon Valley der Düfte und Aromen wurde

Genf ist auf der ganzen Welt als Zentrum der Diplomatie und der Uhrmacherkunst bekannt. Der französischsprachige Kanton ist aber auch ein Hotspot der Welt der Düfte und Aromen. Zwei Weltmarktführer der Branche haben ihren Sitz im Kanton. Wie kam es dazu?

Fünf Parfümflakons in verschiedenen Formen und Farben auf einer hellen Fläche vor zarten Rosen, getrockneten Blütenblättern und ein paar Mandarinen.

Globales Zentrum

Der französische Parfümeur Jean-Jacques Guerlain schrieb 1955 in der Tageszeitung Journal de Genève: «Nach bescheidenen Anfängen hat sich die Schweizer Industrie der synthetischen Duftstoffe dank ihrer herausragenden Leistungen durchgesetzt (...) und nimmt heute eine führende Stellung auf dem Markt ein, die sie ihrem ständigen Streben nach Perfektion verdankt.» Diese Worte treffen auch heute noch zu.

Das französischsprachige Genf versteht sich als «Silicon Valley der Düfte und Aromen». Hier werden die beliebtesten Duft- und Aromastoffe der Welt kreiert, die in Produkten des täglichen Gebrauchs wie Seife und Eau de Cologne zum Einsatz kommen. Gemäss dem kantonalen Departement für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Genf «trägt die Präsenz von Unternehmen aus dem Bereich Aromen und Parfums in Genf, die auf eine lange Tradition zurückgeht und von einer stetigen Innovationskraft getragen wird, dazu bei, die wirtschaftliche Tätigkeit und Kreativität zu fördern und gleichzeitig ein hohes Mass an Exzellenz zu wahren, das weltweit anerkannt ist».

Den Statistiken das Kantons zufolge haben die Unternehmen in der Region einen Weltmarktanteil von 30%. Rund 11% der Genfer Arbeitsplätze im industriellen Sektor entfallen auf die Aroma- und Duftstoffindustrie, darunter 10’000 hochqualifizierte Stellen. Die Branche, die neben Uhrenindustrie, Spedition und Handel zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen des Kantons gehört, generiert rund 12% der Exporte.

Luftaufnahme einer Industrieanlage an einem Flussufer mit mehreren Gebäuden, Parkplätzen, Weinreben und einem Wohngebiet im Hintergrund.

Erfolgszutaten

Genf wies schon im 19. Jahrhundert eine Reihe von Vorteilen auf: Die Rhone lieferte das Wasser, das die Unternehmen der Duft- und Aromabranche zu Kühlzwecken benötigten, und versorgte sie dank dem neuen Wasserkraftwerk in Chèvres mit Energie. Zudem lag der «Kanton an der Grenze zu Frankreich und baute gerade seine Beziehungen zur organisch-chemischen Industrie in der Region Lyon aus. Es war leicht, Parfümeure aus Paris, Grasse oder Lyon für eine Zusammenarbeit zu gewinnen», schrieb Gérard Gandillon, ehemaliger technischer Direktor von Givaudan-Roure, 1998 in einem Artikel der Neuen Schweizerischen Chemischen Gesellschaft. Dies waren aber nur einige der Ingredienzen für den Erfolg der aufstrebenden Branche.

Schwarz-weiss-Luftaufnahme einer Chemiefabrik am Flussufer mit mehreren Gebäuden, Zufahrtsweg und umliegenden Waldflächen.

Ein weiterer Trumpf waren das chemische Fachwissen und die Talente, die in der Region zu finden waren.

Die Schweiz hat eine lange wissenschaftliche Tradition und war im 19. Jahrhundert eine Wiege der organischen Chemie.
Givaudan-Sprecher Tomas Roztocil

«Dies eröffnete neue Möglichkeiten für die Aroma- und Duftstoffindustrie, die damals hauptsächlich mit natürlichen pflanzlichen und tierischen Komponenten arbeitete.»

Zwei Unternehmen

Doch Genf verdankt seinen Status als Kompetenzzentrum im Bereich Parfüms und Aromen vor allem der Gründung zweier Unternehmen im Jahr 1895: Givaudan und Firmenich (2023 fusionierte Firmenich mit DSM und wurde zu dsm-firmenich). Die beiden Branchenführer Givaudan und dsm-firmenich erzielen einen Jahresumsatz von über 20 Milliarden Franken.

Zwei Personen in Schutzkleidung unterhalten sich vor einer Industrieanlage mit Schläuchen und Kunststoffbehältern.

Givaudan wurde von den Brüdern Léon und Xavier Givaudan gegründet, die in Zürich ein kleines Labor eröffneten. Da sich die benachbarte Bäckerei über den Veilchenduft aus dem Labor beschwerte, beschlossen sie, die Firma nach Vernier im Kanton Genf zu verlegen. Zu dieser Zeit arbeiteten angesehene Parfümeure und Chemiker wie Marius Reboul an den blumigen Noten von Flieder und Nelke, die die Erfolgsgeschichte von Givaudan begründen sollten. «Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte Givaudan zu den ersten Unternehmen, die die organische Chemie zur Entwicklung synthetischer Riechstoffe nutzten», erklärt Roztocil.

Frau im Laborkittel mit blauen Handschuhen, die ein Becherglas an einem Arbeitstisch mit Flaschen und Regalen voller Chemikalien handhabt.

Zur gleichen Zeit war auch Firmenich, jetzt dsm-firmenich dabei, sich einen Namen in der Branche zu machen. Das Unternehmen wurde 1895 vom Chemiker Philippe Chuit und dem Geschäftsmann Martin Naef im Gartenhaus von Charles Firmenich gegründet. Nur drei Jahre später eröffneten sie im Genfer Quartier La Jonction einen neuen Standort mit 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Eines der ersten Moleküle, das Unternehmen kreierte, war Iralia, ein blumiger Duft mit Veilchennote, der auch heute noch auf dem Markt ist. Iralia wurde auch für den blumigen orientalischen Duft L’Origan von François Coty, ein ikonisches Parfum des 20. Jahrhunderts, verwendet.

Forschende im weissen Kittel arbeiten im Labor und handhaben Flüssigkeitsproben mit Pipetten und Schutzhandschuhen.

Im Jahr 2023 entstand durch eine Fusion das Unternehmen dsm-firmenich. Als innovatives Unternehmen in den Bereichen Gesundheit, Ernährung und Schönheit ist das Unternehmen weiterhin erfolgreich und sorgt in Genf und darüber hinaus für Fortschritte. «Es zieht bestimmte wissenschaftliche Profile an, insbesondere Spezialisten für Düfte und Aromen», erklärt Ingvild Van Lysebetten, Kommunikationsdirektorin bei dsm-firmenich. Nach Angaben des Unternehmens bietet die Region Zugang zu Talenten, führenden Universitäten und Finanzinstituten.

Komplettes Ökosystem

Neben den beiden Zugpferden gibt es in Genf eine Vielzahl von Start-ups sowie kleinen und mittleren Unternehmen im Aromen- und Duftstoffbereich. «Im Laufe der Zeit ist in der Region ein komplettes Ökosystem mit grossen und kleineren Akteuren entstanden», sagt Roztocil. Heute sind rund 400 Chemieunternehmen in Genf und der Region tätig. «Der Wettbewerb belebt das Geschäft, fördert die Kreativität und motiviert uns, die Messlatte in Sachen Kreativität und Innovation noch höher zu legen», meint Van Lysebetten.

Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch und riecht an einem Parfümstreifen, umgeben von Duftstreifen und Proben in einer neutralen Arbeitsumgebung.

Die Innovation hat verschiedene Gesichter. In den Labors von dsm-firmenich entstand beispielsweise das erste mithilfe von künstlicher Intelligenz entwickelte Aroma (von leicht gegrilltem Rindfleisch). Das an der Schweizer Börse kotierte Unternehmen Givaudan lancierte dagegen als erster Duftstoffhersteller eine Technologieplattform zur Entwicklung von Produkten, die das Mikrobiom der Haut schützen. Die Anziehungskraft (und das Parfüm) des Kantons Genf scheint sich zu halten – zumindest bis jetzt. «Genf ist ein wichtiger Teil unseres Erbes und ein strategischer Standort in unserem integrierten globalen Netzwerk von», erklärt Van Lysebetten.